29. April 2026

    Komplementärmedizin

    CardioNews (4/2026) enthielt ein interessantes Interview mit Prof. H.Cramer (Tübingen), in dem über die evidenzbasierte Rolle der sog. Komplementärmedizin berichtet wird. Diese soll sich von der Alternativmedizin begrifflich dadurch unterscheiden, dass sie eränzend wirkt und und sich durch diese ergänzende Rolle zur leitliniengerechten Therapie teilweise bewährt hat. Diese Therapie, die u.a. in Yoga, Achtsamkeit, Szressminderung Ernährung und besondere Fastenmethoden besteht, soll zumindest bezogen auf das Blutdruckverhalten eine evidenzbasierte Berechtigung haben. Eine Literaturrecherche jedoch ergibt folgendes Bild:

    Tabelle mit Einordnung komplementärmedizinischer Verfahren nach den Empfehlungsklassen der European Society of Cardiology (ESC) im Kontext kardiovaskulärer Prävention (z. B. bei Koronarer Herzkrankheit):


    ESC-Empfehlungsklassen – Komplementärmedizin Herz-Kreislauf

    VerfahrenESC-KlasseEvidenzniveauWirkungKlinische Bewertung
    Mediterrane ErnährungKlasse IA✔ Reduktion von EreignissenFester Bestandteil der Therapie
    Körperliche AktivitätKlasse IA✔ MortalitätsreduktionZentrale Maßnahme
    RauchstoppKlasse IA✔ starke RisikoreduktionEssenziell
    Meditation / StressreduktionKlasse IIaB✔ Blutdruck, StressSinnvolle Ergänzung
    Omega-3-FettsäurenKlasse IIbB(±) inkonsistentSelektiver Einsatz
    AkupunkturKlasse IIb–IIIC(±) unklarKeine klare Empfehlung
    Phytotherapie (z. B. Knoblauch, Weißdorn)Klasse IIb–IIIC✖ keine harten EndpunkteNicht empfohlen
    HomöopathieKlasse IIIC✖ kein EffektSollte nicht eingesetzt werden
    Detox / AusleitungKlasse IIIC✖ kein EffektPotenziell schädlich

    Bedeutung der ESC-Klassen

    • Klasse I: Evidenz oder Konsens → Therapie ist indiziert („soll durchgeführt werden“)
    • Klasse IIa: überwiegende Evidenz → „sollte erwogen werden“
    • Klasse IIb: unklare Evidenz → „kann erwogen werden“
    • Klasse III: kein Nutzen oder potenzieller Schaden → „nicht empfohlen

    Fazit:

    Die European Society of Cardiology bewertet komplementärmedizinische Verfahren im Herz-Kreislauf-Bereich überwiegend zurückhaltend bis ablehnend.

    Nur Lebensstilmaßnahmen erreichen höchste Empfehlungsstärke – und diese sind integraler Bestandteil der leitliniengerechten Therapie, nicht deren Alternative. Yoga, Meditation und in deren Abfolge Stressreduktion erreichen in dieser Konstellation immerhin Klasse IIa – “sollte erwogen werden” – und werden als sinnvolle Ergänzung zur offiziell etablierten Blutdrucktherapie betrachtet. So gesehen hat Prof. Cramer recht, wenn er darstellt, dass eine mentale Therapie wie Yoga, die nicht nur Bewegung, sondern auch Meditation als mentalen Baustein beinhaltet, evidenzbasiert ist. Er führt weiter aus:

    “Es fehlen gute Studien, besonders Langzeitstudien…. Ein großes Problem ist die fehlende Forschungsförderung. Laut WHO nutzen bis zu 80% der Menschen weltweit Komplementärmedizin, aber nur 1% der weltweiten Forschungsförderung fließt in diesen Bereich. In Deutschland gibt es keine explizite öffenliche Förderlinie für Komplementärmedizin, obwohl hier etwa 70% der Bevölkerung entsprechende Methoden nutzen.”

    Dieser Mißstand sollte in der Politik, speziell der Gesundheitspolitik, seinen Platz finden, doch sieht es danach derzeit nicht aus. Prävention hat immer noch nicht seinen Platz im öffentlichen Bewusstsein der Menschen gefunden, der ihm zukommt.